Toky Springborn - Serie: Unter fremdem Himmel
Person
Grenzach-Wyhlen, 21 Jahre
Jahr
2026
Kategorie
Jahresthema
Interview
Worum geht es in deinem Foto und wie ist die Idee dazu entstanden?
John, 25 Jahre alt, lebt seit 2022 in Deutschland und seit 2023 in Lörrach-Brombach. Aufgewachsen in Basra im Süden des Irak, war er bis 2021 Besitzer eines Shisha-Cafés und eines Schwimmbads. Doch fehlende Perspektiven und die Zerstörung trieben ihn dazu, seine Heimat zu verlassen. Allein machte er sich auf den Weg nach Deutschland – eine Flucht, die ihn über Belarus führte. Zu Fuß durchquerte er Litauen, wurde dort jedoch zweimal aufgrund fehlender Dokumente für jeweils eine Woche inhaftiert. Schließlich gelangte er per Anhalter nach Deutschland. Hier träumt John von einer Ausbildung – als Altenpfleger, Erzieher oder Lkw-Fahrer. Doch wie viele Geflüchtete kämpft er erneut mit Schwierigkeiten. Er musste alles zurücklassen, lebt nun in einem fremden Land, in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) mit 250 anderen Menschen. John besucht derzeit eine Sprachschule, um das B1-Niveau zu erreichen. Er möchte arbeiten, er möchte mehr tun – doch aufgrund fehlender Sprachkenntnisse darf er nicht. Deshalb verbringt er neben einem kleinen Aushilfsjob die meiste Zeit zu Hause.
Als ich ihn für meine Fotoreihe ansprach, schrieb er mir: „Warum möchtest du mich fotografieren? Ich mache doch gar nichts.“ Genau dieses Gefühl des „Nichts“ wollte ich einfangen – das Empfinden vieler Geflüchteter. Keine Zugehörigkeit. Keine Unterstützung. Keine Perspektive. Nur Leere, Verzweiflung, Trostlosigkeit.
Für welche Techniken/Materialien hast du dich entschieden und warum?
Das Offensichtliche ist, glaube ich, dass es Schwarz-Weiß ist. Ich habe mich dafür entschieden, da ich es für das Thema und die Stimmung einfach passend finde. Es spiegelt das Trostlose gut wider.
Wie lange hat es gedauert, bis alles fertig war?
Ich glaube, insgesamt waren es 3–4 Wochen. Ich habe jedes Wochenende oder abends Zeit mit John verbracht – mit und ohne Kamera. Wir saßen in seinem Zimmer, haben geredet, irakischen Kaffee getrunken und Snacks gegessen oder uns mit seinen Mitbewohnern getroffen. Zwischendurch habe ich dann einzelne Fotos gemacht. Am Anfang ging es mir einfach darum, ihn besser kennenzulernen. Und zum Schluss wurde er auch zu meinem Freund. Ich schreibe heute noch mit ihm und verfolge ihn auf Instagram.
Was hat dir beim Prozess am meisten Spaß gemacht? Was war herausfordernd?
Am meisten Spaß hat es gemacht, Zeit mit ihm zu verbringen, auf seinem Bett zu sitzen und seinen Geschichten zuzuhören. Für einen selbst lernt man dadurch auch viel über andere Teile der Welt und vor allem über die Lebensrealitäten anderer Menschen. Schwierig war der Zugang zur GU. Man darf nicht einfach Fotos innerhalb des Geländes machen. Ich musste mit vielen Menschen sprechen, damit das überhaupt klappt – mit der Leiterin der GU, mit den Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind, und teilweise auch mit deren Eltern.
Was liegt dir bei deiner Arbeit besonders am Herzen? Was möchtest du den Menschen mitgeben?
Mir wurde dadurch auch wieder bewusst, wie privilegiert wir eigentlich in Deutschland leben. Man kann sich glücklich schätzen, hier geboren und aufgewachsen zu sein und in einem Land zu leben, in dem wir viele Dinge als selbstverständlich betrachten, die für andere Menschen keineswegs selbstverständlich sind. Sicherheit, Freiheit, Bildung, eine funktionierende Infrastruktur, soziale Absicherung und die Möglichkeit, das eigene Leben weitgehend selbst zu gestalten – all das sind Privilegien, die man im Alltag schnell aus den Augen verliert. Und weil diese Grundbedürfnisse in vielen Ländern nicht gegeben sind, kommen Menschen nach Europa, um hier einfach ein besseres Leben führen zu können. Leider ist die Welt nicht fair.
Seit wann fotografierst du und wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich glaube, die klassische Geschichte: Als Kind die Kamera meines Vaters in der Hand gehabt – und seitdem immer öfter fotografiert. Irgendwann wurde daraus ein Hobby.
Was fotografierst du am meisten? Welche Motive, bei welchen Gelegenheiten?
Reportagen mache ich gerade viel. Angefangen habe ich aber mit Straßenfotografie. Ich bin einfach rausgegangen und habe alles Mögliche fotografiert. Ich glaube, diesen Stil sieht man auch in meinen Reportagen. Eigentlich waren nur sehr wenige Bilder geplant. Ich bin John „hinterhergedackelt“ und habe alles fotografiert, was sich so ergeben hat.
Was findest du an dem Medium spannend? Welche persönliche Bedeutung hat Fotografie für dich?
Momente festzuhalten und mit einem journalistischen Auge auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen und die Welt und die Menschen einander näherzubringen. Als Fotograf bekommt man außerdem extrem viele Einblicke in die Welt: Man sieht, wie andere Menschen arbeiten und leben, und kommt an Orte, an die man sonst vielleicht nie kommen würde.
Hast du Vorbilder in der Fotografie?
Bruce Davidson; Nan Goldin; Greg Girard; Alex Webb; William Eggelstone; Gilles Perres; Todd Hido; Joel Sternfeld
Was hältst du von Fotowettbewerben? Hast du schonmal an einem Wettbewerb teilgenommen?
Ich habe jetzt zum ersten Mal an einem Fotowettbewerb teilgenommen. Ich glaube, davor habe ich mich immer gefragt, ob meine Bilder gut genug sind. Es bewerben sich schließlich Tausende, und unter all den Einsendungen soll ausgerechnet ich Erfolg haben? Zum Glück wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Man sollte es einfach immer versuchen. Egal, was ist – man weiß ja nie. Und hinterher bereut man wenigstens nicht, es gar nicht erst versucht zu haben.
Woran arbeitest du gerade?
Ich mache gerade eine kurze fotografische Pause. Ich arbeite auch in einer Fotogalerie, was gerade etwas Zeit in Anspruch nimmt, und habe außerdem noch ein paar Abgaben für die Uni. Danach habe ich vor, außerhalb von Deutschland zu fotografieren. Was genau, weiß ich noch nicht, aber auf jeden Fall etwas Gesellschaftliches und Soziales.