Melek Ayla Reinalda
Person
Berlin, 22 Jahre
Jahr
2026
Kategorie
Jahresthema
Interview
Worum geht es in deinem Foto und wie ist die Idee dazu entstanden?
In meiner Arbeit „Hannibal“ dokumentiere ich den Großwohnkomplex Hannibal in der Dortmunder Nordstadt. Als Lebensort vieler Kinder und Jugendlicher prägt er ihren Alltag und ihr Aufwachsen. Die fotografische Arbeit untersucht, wie dieser Ort Freundschaft, Nachbarschaft und Community formt. In Abgrenzung zu gesellschaftlichen Erfolgsbildern, die Besitz betonen, versuche ich, das alltägliche Miteinander, Nähe und gemeinsames Aufwachsen in den Fokus zu rücken.
Im Hannibal habe ich erlebt, wie sehr ein Ort durch die Menschen geprägt wird, die in ihm leben. Dabei wollte ich mich darauf einlassen, was mir tatsächlich begegnet, anstatt mit einer fertigen Vorstellung an diesen Ort zu kommen. Aus der ursprünglichen Idee, Architektur zu fotografieren, wurde so eine Arbeit über Begegnungen. Besonders wichtig war es mir, mit dem Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, verantwortungsvoll umzugehen.
Für welche Techniken/Materialien hast du dich entschieden und warum?
Ich habe ausschließlich analog im Kleinbildformat aus der Hand fotografiert. Meine Kamera ist relativ unauffällig, wodurch die Menschen, auf die ich zugehe, nicht sofort von einer großen Kamera überrumpelt werden. Dadurch konnte ich mich frei und spontan auf Situationen einlassen. Gleichzeitig fotografiere ich analog viel konzentrierter und bewusster als digital, was für mich auch einen besonderen Reiz hat.
Durch das analoge Arbeiten ist außerdem eine andere Verbindung zu den Menschen entstanden. Ich konnte ihnen die Bilder nicht einfach direkt schicken oder zeigen, sondern bin etwa alle vier Wochen mit den entwickelten Prints wiedergekommen. Dadurch entstand mit der Zeit eine kleine Vorfreude, weil alle gespannt waren, wie ihre Bilder geworden sind.
Wie lange hat es gedauert, bis alles fertig war?
Dadurch, dass ich bis heute immer wieder im Hannibal vorbeischaue und die Arbeit auch konzeptuell erweitert habe, zum Beispiel indem ich den Kindern eigene Einwegkameras gegeben habe, würde ich nicht sagen, dass sie wirklich abgeschlossen ist. Für die Form, in der sie im Buch zu sehen ist, habe ich ungefähr ein Jahr fotografiert.
Was hat dir beim Prozess am meisten Spaß gemacht? Was war herausfordernd?
Am meisten Spaß gemacht hat mir, einfach vor Ort zu sein und nie genau zu wissen, was mich erwartet. Manchmal habe ich gar nicht ans Fotografieren gedacht, sondern mit den Kindern gespielt oder einfach über alles Mögliche geredet, was sie und mich gerade beschäftigt hat. Wir sind zum Beispiel bis in die zwölfte Etage gegangen, um vom Balkon aus über ganz Dortmund zu schauen. Einmal wurde ich sogar von einer Familie zum Frühstück eingeladen, was mich sehr berührt hat. In solchen Momenten habe ich mich selbst manchmal wieder wie ein Kind gefühlt und genau dadurch sind viele Bilder ganz selbstverständlich entstanden.
Die Herausforderung war gleichzeitig, dass ich nie wusste, ob überhaupt etwas passieren würde. Manchmal war ich im Innenhof und niemand war da, also bin ich wieder nach Hause gegangen. Man muss aushalten, dass sich nicht jeder Besuch sofort in ein gutes Bild übersetzt, und trotzdem wiederkommen. Ich musste lernen, darauf zu vertrauen, dass die Momente einen irgendwann finden.
Was liegt dir bei deiner Arbeit besonders am Herzen? Was möchtest du den Menschen mitgeben?
Mir liegt besonders am Herzen, wie wichtig Freundschaften für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sind. Dafür braucht es auch Orte, an denen solche Beziehungen entstehen und wachsen können.
Im Hannibal wird für mich besonders deutlich, wie sehr Architektur unser Zusammenleben mitbestimmen kann. So viele Menschen auf engem Raum zu haben, kann natürlich herausfordernd sein. Gleichzeitig entstehen dadurch Möglichkeiten für Gemeinschaft. Kinder wachsen dort mit ihren Freund*innen im selben Haus auf, begegnen sich im Alltag und haben einen gemeinsamen Ort.
Ich glaube, dass wir mehr miteinander und weniger übereinander reden sollten. Menschen sind nicht nur dann interessant oder relevant, wenn man über ihre Probleme berichtet. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollten wir uns die Zeit nehmen, ihnen wirklich zu begegnen und offen dafür zu sein, welche Geschichten sie selbst erzählen. Ich glaube, dass daraus ein viel differenzierterer Blick auf Menschen entstehen kann.
Seit wann fotografierst du und wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich fotografiere eigentlich, seit ich denken kann. Schon als Kind habe ich ständig mit der Handykamera meiner Mutter fotografiert und mit sechs Jahren meine erste eigene kleine Digitalkamera bekommen. Einen bestimmten Moment, an dem ich angefangen habe zu fotografieren, gibt es deshalb gar nicht.
Durch die Fotoalben meiner Großeltern habe ich als Jugendliche dann meine Begeisterung für analoge Fotografie entdeckt. Trotzdem wäre ich damals nicht auf die Idee gekommen, Fotografie einmal zu meinem Beruf zu machen. Das fühlte sich lange ziemlich weit weg an. Erst in Berlin haben mich Freunde überhaupt auf die Idee gebracht, mich mit dem Lette-Verein und der Ausbildung zur Fotodesignerin zu beschäftigen. Dort konnte ich sehr viel lernen und hatte gleichzeitig ein Umfeld, in dem ich mich ganz auf die Fotografie konzentrieren und darin weiterentwickeln konnte. Je mehr Zeit ich damit verbracht habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass sich dieser Weg für mich richtig anfühlt.
Was fotografierst du am meisten? Welche Motive, bei welchen Gelegenheiten?
Ich fotografiere am liebsten andere Menschen. Das zieht sich eigentlich durch alles, was ich mache. Besonders interessieren mich dokumentarische Arbeiten, die sich mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Gleichzeitig fotografiere ich auch gerne im inszenierten Porträt- und Modebereich, weil ich dort eine andere Form von Kreativität und Leichtigkeit ausleben kann.
Auch in meinem persönlichen Umfeld fotografiere ich viel, einfach um Momente festzuhalten. Obwohl ich in unterschiedlichen Bereichen arbeite, steht für mich fast immer der Mensch im Mittelpunkt.
Was findest du an dem Medium spannend? Welche persönliche Bedeutung hat Fotografie für dich?
Ich würde inzwischen sagen, dass Fotografie ein Teil von mir geworden ist, auf den ich immer und für immer zurückgreifen kann. Ich habe es noch nie bereut, meine Energie in sie zu stecken, weil ich jedes Mal daran wachse. Gerade in Phasen, in denen es mir nicht gut geht, hält sie mich oft in Bewegung.
Durch die Fotografie komme ich mit anderen Menschen und ihren Realitäten in Verbindung. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass die Welt viel größer ist, als sie sich im eigenen Alltag manchmal anfühlt. Viele Begegnungen und Eindrücke hätte ich ohne sie wahrscheinlich nie gehabt.
Gleichzeitig bedeutet Fotografie für mich auch Austausch und Zugehörigkeit. Mit anderen Fotograf*innen oder kreativen Menschen gemeinsam an etwas zu arbeiten und Energie in etwas zu stecken, gibt mir das Gefühl, meinen Platz in der Welt immer wieder neu zu finden.
Sie ist eine Art Wegweiser, mit dem ich durch die Welt gehe.
Hast du Vorbilder in der Fotografie?
Ich bewundere besonders Mary Ellen Mark für die Art, wie sie Beziehungen zu den Menschen aufbaut, die sie fotografiert. Ihre Bilder wirken sehr nah und gleichzeitig respektvoll. Gerade dieser Umgang mit den Menschen ist für mich ein wichtiges Vorbild.
Für die Hannibal Arbeit war auch Tobias Zielony eine wichtige Referenz, vor allem seine Arbeiten über Jugendliche und urbane Lebenswelten. Die Portraits von Kindern und Jugendlichen von Tamara Eckhardt finde ich ebenfalls sehr stark.
Ich fotografiere selbst sehr intuitiv und mache mir vor dem Fotografieren keinen großen Plan darüber, wie ein Bild aussehen soll. Dabei habe ich nicht bewusst die Arbeiten anderer Fotograf*innen oder bestimmte Bilder im Kopf. Trotzdem finde ich es sehr bereichernd, mich mit anderen fotografischen Arbeiten und ähnlichen Themen zu beschäftigen. Sie können den eigenen Blick erweitern und auf ganz natürliche Weise in die eigene Arbeit einfließen.
Was hältst du von Fotowettbewerben? Hast du schonmal an einem Wettbewerb teilgenommen?
Ich nehme zum ersten Mal an einem Fotowettbewerb teil und finde es sehr schön, dass dadurch freien und auch längerfristigen Arbeiten ein Raum gegeben wird, in dem sie Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren. Gerade bei freien Arbeiten weiß man manchmal gar nicht, wo sie ihren Platz finden können. Außerdem finde ich es inspirierend, die Arbeiten anderer Fotograf*innen zu sehen und darüber in den Austausch zu kommen.
Woran arbeitest du gerade?
Zuletzt habe ich an meiner Abschlussarbeit für meine Ausbildung am Lette-Verein gearbeitet. In „As Things Get Worse“ fotografiere ich Orte, an denen Menschen in einer immer chaotischer werdenden Welt durch die Begegnung mit Tieren nach einem Moment des Entkommens und der Verbindung suchen. Dafür habe ich ganz unterschiedliche Orte besucht, von Tiercafés und Hundeshows bis hin zu Kuhkuscheln und privaten Wohnungen.
Mich interessiert dabei weniger, diese Orte zu bewerten, sondern zu verstehen, wie Menschen auf ihre eigene Art und Weise versuchen, mit der Welt und ihren Unsicherheiten klarzukommen. Dadurch werden diese Orte auch zu Portraits moderner Befürchtungen und Sehnsüchte. Auch hier versuche ich, mit Neugier an ein Thema heranzugehen und mir offen anzuschauen, was mir begegnet.