Rebecca Uhlworm - Serie: Leise. Notizen aus der Stille
Person
Arnstadt, 19 Jahre
Jahr
2026
Kategorie
Alter: 16–20 Jahre
Interview
Worum geht es in deinem Foto und wie ist die Idee dazu entstanden?
Meine ursprüngliche Projektidee hatte zum Ziel, einen Kritik- und Diskussionsrahmen zum Thema KI und Menschlichkeit zu eröffnen. Sind wir Menschen eher sinnlich fühlende, emotionale Wesen mit der Fähigkeit, zu empfinden, zu staunen, berührt, einfühlsam und kreativ zu sein, oder sind wir menschlich durch unseren Drang nach Erforschung, Erfindung und Erkenntnis; durch das Niemals-müde-Sein, Neues zu erfahren und zu entdecken, das niemals Stillstehen der Gedanken; die menschliche Neugier und der Wissensdurst, die Logik, der Verstand, der verblüffende Reichtum innovativer Ideen, den unsere Gedanken hervorbringen, der uns dahin gebracht hat, wo wir heute sind? Oder werden wir von unserem Hang zu Innovation, Optimierung und Fortschritt dominiert und unmenschlicher? Nur noch denkende, lernende, arbeitende Gestalten, die an Sinnlichkeit und Gefühl und Erstaunen verloren haben? Und welchen Einfluss nimmt auf diese Entwicklung eine hochdigitalisierte Gesellschaft in einem kapitalistischen System, in der Technik zum Selbstverständnis wird und unser wetteiferndes Zusammenleben auf Idealen wie Nützlichkeit, Effektivität und Funktionalität baut? Und welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz? Was bedeutet all das für zwischenmenschliche Beziehungen, für unsere soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz, für kollektive Werte als Grundpfeiler unseres Zusammenlebens? Und was bedeutet es für die Kunst als Ergebnis kreativen menschlichen Schaffens? Diesem Thema, dieser Sorge vor technologischer Beschleunigung, wollte ich mit einer stillen, analogen Gegenkraft begegnen. In einer hyperdigitalen, hochwachen Welt geht es (mir) nicht darum, Technik und künstliche Intelligenz nur zu kritisieren und infrage zu stellen, sondern Perspektiven und Diskurse zu öffnen, in denen Menschlichkeit, Wahrnehmung und Stille wieder neu verhandelt werden können. Leise ist für mich kein idyllischer Zustand, sondern ein fragiler, fast unmöglicher Moment – ein Akt des Widerstandes gegen eine Welt, die nicht stillstehen kann. Stress, Unruhe, permanente Bewegung und soziale Distanz prägen zunehmend den Alltag, also wollte ich dem Bilder der Stille entgegenstellen; eine poetische Bildsprache entwickeln für Momente wie eine leise Dämmerung, in der man hören kann, wie die Welt einschläft. Für die stillstehenden, unbewegten Szenen eines gerade verlassenen Zimmers. Für das Gefühl, dass eine Person gegangen ist und so viel Bewegung und Lautes mitgenommen hat, dass ohne sie alles ganz erträglich leise wirkt. Und für die seltenen Augenblicke, in denen man atmen kann und das Herz im gleichen Takt mit dem Leben schlägt. Ich finde den Gedanken schmerzlich, dass es niemals überall auf der Welt für einen Moment ganz still ist, sich nichts bewegt, man nichts hört – als würde die Erde, die Zeit, das Leben und man selbst niemals ganz innehalten dürfen. Stillstand ist also nicht als Realität zu verstehen, sondern als Sehnsucht. Vielleicht existiert Stillstand nur als Fotografie, die auf ewig genauso stehen bleiben wird. Die Zeit und Bewegung einfängt, festhält und aufbewahrt.
Für welche Techniken/Materialien hast du dich entschieden und warum?
Ich habe analog mit einer selbstgebauten Kamera obscura fotografiert. Die Analogfotografie schmiegt sich als langsame, geduldige Technik bewusst an das Thema „Leise“ an, indem Fehler, Unschärfe und Unkontrollierbarkeit – das, was KI zu vermeiden versucht – zum Inhalt werden. So wird KI nicht direkt thematisiert, sondern indirekt kritisiert, durch das, was meine Bilder nicht leisten wollen, durch die bewusste Verweigerung von Effizienz, Perfektion und Sofortigkeit. Stille erscheint hier als menschliche Antwort auf Überforderung, als Reaktion auf eine laute, beschleunigte, technisierte Welt. Es ist also eine Arbeit, die sich als fotografischer Gedankenstrich versteht, der den Strom des Lebens ganz kurz aufhält und gleichzeitig ganz viel anspricht und öffnet. Ein Projekt über das, was bleibt, wenn man aufhört, alles optimieren zu wollen – ein leiser Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit der Gegenwart.
Wie lange hat es gedauert, bis alles fertig war?
Von der Ideenfindung bis zur Einreichung des Projekts sind vier Monate vergangen. In dieser Zeit habe ich die Camera Obscura gebaut, das Filmentwickeln gelernt und bin auf Motivsuche gegangen.
Was hat dir beim Prozess am meisten Spaß gemacht? Was war herausfordernd?
Das Allercoolste war, einen entwickelten Film das erste Mal zu sehen – die Erleichterung, dass ich die Belichtungszeit richtig gemessen habe und auf dem Foto etwas zu erkennen ist! Ein paar überraschende und schließlich sehr geeignete, stimmige Effekte sind dabei auch häufig entstanden, z. B. wenn ich vergessen habe, den Film händisch weiterzudrehen, und somit eine Doppelbelichtung hatte. Aber auch das Fotografieren selbst an den teils ausgewählten, teils unverhofft gefundenen, ganz leisen Orten hat mich selbst immer spüren lassen, dass mich das Thema Stille nicht nur einfach interessiert, sondern ich es in meiner Lebensrealität auch dringend brauche. Herausfordernd war, dass ich an der Kamera keinen Sucher hatte, mit dem ich den Bildausschnitt hätte erahnen können. Auch die Belichtung habe ich mit einer Handy-App gemessen und musste genau auf die Einstellungen achten. Bei der Kamera obscura kann ich nicht einfach auf den Auslöser drücken, sondern öffne eine Klappe, sodass Licht durch eine winzig kleine Blende (F210) auf den Film trifft. Eine Belichtung hat bei niedrigen Lichtverhältnissen daher bis zu 45 Minuten gedauert; die längste Belichtungszeit war 6 Stunden. Wenn man einmal in diesen Prozess reinfindet, ist es gar nicht so kompliziert, aber es gibt schon einiges zu beachten, damit das Foto dann auch was wird.
Was liegt dir bei deiner Arbeit besonders am Herzen? Was möchtest du den Menschen mitgeben?Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Analogfotografie. Ich fotografiere selber auch gerne digital, aber die Analogfotografie, besonders mit der Kamera obscura, erfordert so viel mehr Konzentration und Bewusstsein für Fototechnik, sodass man eigentlich total im Prozess versinkt. Ich habe gemerkt, dass ich Momente deutlich achtsamer und aufmerksamer wahrnehme, wenn ich mit der Kamera obscura fotografiere, weil dabei ein viel gründlicheres Verständnis für Lichtverhältnisse, für Komposition und Stimmung entsteht, als wenn man „einfach nur draufhält und abdrückt“ (obwohl das natürlich auch seinen Charme haben kann). Ich möchte den Menschen mitgeben, langsamer und bewusster durchs Leben zu gehen – es gibt so viel Wunderschönes zu entdecken, wenn man nur drauf achtet.
Seit wann fotografierst du und wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich fotografiere schon, seit ich ca. 6 Jahre alt war, früher vor allem aus dem Bedürfnis heraus, Momente als Erinnerungen festzuhalten. Irgendwann, ich denke mit etwa 15, habe ich angefangen, Details und Ästhetisches zu suchen und zu fotografieren, meistens mit der Handykamera. Wirklich bewusst thematisch zu fotografieren und konzeptionelle Fotoserien zu erstellen, habe ich erst mit Beginn meines Kunststudiums angefangen, weil ich mit der Fotografie eine wunderbare Technik gefunden habe, Ideen eine Form zu geben, ganz gleich ob durch symbolhafte oder abstrakte Motive.
Was fotografierst du am meisten? Welche Motive, bei welchen Gelegenheiten?
Ich kann das gar nicht wirklich nach Motiven kategorisieren. Meistens interessiert mich ein Thema, um das ich ein Gedankengerüst baue, und dann ziehe ich los und die Motive finden sich fast von allein. Ich mache aber sonst auch gern Straßenfotografie oder porträtiere Orte und Menschen mit ihrem Umfeld als Fotoserien.
Was findest du an dem Medium spannend? Welche persönliche Bedeutung hat Fotografie für dich?Ich denke, am spannendsten finde ich den Zeit-Aspekt. Die Fotografie ist ein Medium, das Vergangenheit und Geschichte bildhaft dokumentiert und konserviert. Wie krass ist das? Ohne viele dokumentarische Fotograf*innen könnte man sich heute kaum ein Bild davon machen, wie die Vergangenheit war. Ich träume davon, auch einmal so einen historischen Einfluss zu haben, mit der Kamera zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Hast du Vorbilder in der Fotografie?
So viele! Henri-Cartier Bresson, Robert Doisneau, Helga Paris, Roger Melis, Dirk Reinartz, Harald Hauswald, um nur ein paar zu nennen … Sie alle haben eine faszinierend ehrliche, respektvolle, empathische Bildsprache mit Würde und Witz für ihre Motive. Es begeistern mich aber auch Bernd und Hilla Becher, die systematisch Industriebauten in Amerika und Europa fotografiert haben, aber auch Lee Miller, die im Zweiten Weltkrieg an der Front und am Ende des Krieges im Konzentrationslager fotografierte. Sowohl die Bechers als auch Lee Miller haben die Vergangenheit dokumentiert und dabei einen immensen Einfluss auf unser kollektives Gedächtnis und auf Erinnerungskultur genommen.
Was hältst du von Fotowettbewerben? Hast du schon mal an einem Wettbewerb teilgenommen?
Ich denke, Fotowettbewerbe sind eine wunderbare Chance, die eigenen Arbeiten der Öffentlichkeit zu zeigen, aber auch, die anderen Teilnehmenden und ihre Fotografien, Gedanken und Themen kennenzulernen. Vernetzen, sich gegenseitig inspirieren, voneinander lernen sind ein unschätzbar kostbarer Teil jedes künstlerischen Schaffens.