Celine Kapoor - Serie: Urbane Differenz
Person
Düsseldorf, 24 Jahre
Jahr
2026
Kategorie
Experimente
Interview
Worum geht es in deinem Foto und wie ist die Idee dazu entstanden?
„Urbane Differenz“ untersucht Stadt als politischen Raum. Eine Stadt ist für mich keine neutrale Ansammlung von Gebäuden. In ihr werden Machtverhältnisse sichtbar und gleichzeitig ständig reproduziert: Wer kann sich Wohnraum leisten? Wer darf öffentlichen Raum selbstverständlich nutzen? Wer wird verdrängt, überwacht oder ausgeschlossen? Wessen Bedürfnisse werden in der Stadtplanung berücksichtigt und wessen nicht?
Architektur, Werbung, Überwachung, defensive Architektur, Graffiti, Protest, Leerstand oder Gentrifizierung sind deshalb keine voneinander getrennten Phänomene. Sie erzählen davon, wie Kapital, Politik und gesellschaftliche Macht einen Raum strukturieren.
Die Arbeit ist ursprünglich im Kurs „Imagine the City“ an der Hochschule Düsseldorf entstanden. Ich habe angefangen, diese Strukturen und Widersprüche zu fotografieren und ein visuelles Archiv daraus aufzubauen. Später habe ich in Griechenland und Nordmazedonien weitergesammelt.
In den Collagen treffen Fragmente aus unterschiedlichen Ländern aufeinander und ergeben einen Stadtraum, den es real nicht gibt. Genau dadurch lösen sich die Bilder vom einzelnen Ort. Düsseldorf, Athen oder Skopje werden nicht als isolierte Städte betrachtet, sondern als Teile größerer gesellschaftlicher Strukturen.
Mich interessiert die Frage: Wenn die Architektur wechselt, die Sprache auf den Schildern eine andere ist und trotzdem dieselben Mechanismen von Ausschluss, Kapitalisierung und Kontrolle auftauchen, wie unterschiedlich sind diese Städte dann wirklich? „Urbane Differenz“ versucht deshalb nicht, Stadt abzubilden. Die Arbeit versucht, sie zu lesen.
Für welche Techniken/Materialien hast du dich entschieden und warum?
Die Grundlage bilden ausschließlich Fotografien, die ich selbst im öffentlichen Raum aufgenommen habe. Daraus entstehen digitale Collagen und teilweise Stop-Motion-Animationen. Ich arbeite mit Architektur, Typografie, Stickern, Graffiti, politischen Botschaften, Schildern und anderen Spuren des Stadtraums.
Die Collage ist dabei nicht einfach eine ästhetische Entscheidung. Die Stadt selbst funktioniert für mich wie eine Collage. Sie wird gebaut, abgerissen, privatisiert, überklebt, verkauft, angeeignet und wieder verändert. Unterschiedliche Interessen und Lebensrealitäten liegen direkt übereinander.
Durch das Zerschneiden der Fotografien breche ich außerdem bewusst mit der Vorstellung, Fotografie würde Realität einfach objektiv dokumentieren. Auch ein Foto ist bereits eine Entscheidung darüber, was sichtbar wird und was außerhalb des Bildes bleibt.
Was hat dir beim Prozess am meisten Spaß gemacht? Was war herausfordernd?
Am meisten Spaß macht mir das Beobachten und Sammeln. Wenn man anfängt, Stadt wirklich zu lesen, verändert sich der Blick darauf. Eine Sitzbank ist dann nicht mehr einfach eine Sitzbank. Man fragt sich plötzlich, warum sie genau so gestaltet wurde, wer dort liegen kann und wer nicht. Ein Werbeplakat erzählt etwas darüber, wer als Konsument*in gedacht wird. Ein Sticker oder Graffiti kann zeigen, welche politischen Kämpfe gerade stattfinden. Diese kleinen Dinge interessieren mich oft mehr als die großen Sehenswürdigkeiten.
Die größte Herausforderung ist gleichzeitig die Verantwortung, die damit einhergeht. Sobald ich gesellschaftliche Ungleichheit, Armut, Protest, Migration oder Ausschluss fotografiere, kann ich daraus sehr schnell eine Ästhetik machen. Das will ich nicht. Menschen sind kein Bildmaterial für meine politische Aussage.
Deshalb gehört für mich zu fotografischer und gestalterischer Arbeit immer die Frage: Aus welcher Position spreche ich? Wem gebe ich Raum? Wessen Geschichte erzähle ich? Und habe ich überhaupt das Recht, diese Geschichte zu erzählen? Wenn eine Arbeit Menschen betrifft, möchte ich möglichst mit ihnen sprechen und nicht über sie.
Was findest du an dem Medium spannend? Welche persönliche Bedeutung hat Fotografie für dich?
Fotografie hat für mich sehr viel mit Macht zu tun, gerade weil wir Fotos schnell als etwas Wahres oder Dokumentarisches lesen. Dabei ist jedes Bild bereits eine Entscheidung. Jemand entscheidet, wer fotografiert wird, aus welcher Distanz, in welchem Moment, welcher Ausschnitt gezeigt wird und in welchem Kontext das Bild später auftaucht. Gleichzeitig entscheidet man auch darüber, was nicht gezeigt wird.
Ich liebe an Fotografie vor allem dieses genaue Hinschauen. Seit ich bewusster fotografiere, erwische ich mich ständig dabei, wie ich unterwegs irgendwelche kleinen Situationen, Schilder, Menschen oder Details entdecke und sofort denke: Das muss ich festhalten. Deshalb interessiert mich auch die Frage des Blicks sehr: Wer hält eigentlich die Kamera? Die Geschichte der Fotografie ist schließlich nicht neutral. Menschen wurden fotografiert, kategorisiert und exotisiert, gerade aus kolonialen und eurozentrischen Perspektiven. Viele dieser Bildtraditionen wirken bis heute weiter.
Für mich reicht es deshalb nicht, nur zu fragen, was ein Bild zeigt. Genauso wichtig ist, wer dieses Bild produziert und aus welcher Position heraus. Fotografie kann stereotype Vorstellungen und Machtverhältnisse wiederholen. Sie kann aber genauso Gegenbilder schaffen, Geschichten bewahren und Menschen ermöglichen, ihre eigenen Narrative zu kontrollieren. Genau diese Spannung macht das Medium für mich so interessant.
Was liegt dir bei deiner Arbeit besonders am Herzen? Was möchtest du den Menschen mitgeben?
Mir liegt besonders am Herzen, dass Gestaltung nicht als etwas Neutrales verstanden wird. Design und Kunst haben gesellschaftliche Verantwortung, weil sie mitbestimmen, wer sichtbar wird, welche Sprache als selbstverständlich gilt, welche Körper und Lebensrealitäten gezeigt werden und welche Geschichten überhaupt erzählt und archiviert werden. Gestaltung produziert Bilder davon, was als normal gilt. Genau deshalb ist für mich auch die Entscheidung, sich aus gesellschaftlichen Fragen herauszuhalten, nicht vollkommen neutral. Es gibt für mich keine vollkommen unpolitische Gestaltung. Auch Schweigen ist eine Position. Solidarität darf nicht erst dann stattfinden, wenn sie bequem, institutionell erwünscht oder risikofrei ist.
Gleichzeitig bedeutet politische Gestaltung für mich nicht, für andere Menschen zu sprechen. Im Gegenteil. Gestaltung muss Räume schaffen, in denen Menschen selbst sprechen können. Weniger über marginalisierte Menschen reden, mehr mit ihnen arbeiten, ihnen zuhören, Ressourcen teilen und auch akzeptieren, dass nicht jede Geschichte meine ist. Ich möchte mit meiner Arbeit deshalb nicht einfach „Bewusstsein schaffen“. Ich möchte Machtverhältnisse sichtbar machen und die eigene Position darin nicht ausklammern.
Ich möchte den Menschen mitgeben, dass etwas für sie vielleicht nur ein Foto ist, für andere aber ihre ganze Lebensrealität zeigt. Mit jedem Bild, das wir machen und veröffentlichen, geht deshalb auch Verantwortung einher: dafür, wie wir Menschen darstellen, welche Geschichten wir erzählen und welchen Blick wir auf sie mitprägen.
Was hältst du von Fotowettbewerben? Hast du schonmal an einem Wettbewerb teilgenommen?
Bei vielen Open Calls oder Wettbewerben geht es sehr stark um das Gewinnen oder Ausgewähltwerden. Man reicht etwas ein, wartet und bekommt irgendwann eine Zu- oder Absage. Danach hängt die Arbeit vielleicht irgendwo oder wird kurz veröffentlicht, aber der eigentliche Prozess, das Lernen und die Liebe zum Handwerk gehen schnell verloren.
Genau deshalb gefällt mir der Deutsche Jugendfotopreis so gut. Hier fühlt es sich nicht so an, als würde mit der Preisvergabe alles enden. Im Gegenteil: Danach beginnt eigentlich erst der gemeinsame Teil. Unterschiedliche Menschen und Perspektiven kommen zusammen, planen eine Ausstellung, nehmen an Workshops teil, tauschen sich aus und lernen voneinander. Dadurch entsteht viel mehr als nur ein Wettbewerb. Es wird zu einem Ort, an dem Fotografie gemeinsam weitergedacht wird und nicht nur das fertige Ergebnis zählt, sondern auch der Weg dorthin. Ich habe schon an einigen Wettbewerben und Open Calls teilgenommen, aber genau dieser Prozess macht den Deutschen Jugendfotopreis für mich besonders.