
Ralph Baiker ist gelernter Drucker und hat an der FH Dortmund Fotografie
studiert.
Lebt und arbeitet in Berlin, wo er Studio und Büro mit anderen Künstlern
und Designern teilt (SOUP). Lebt und arbeitet mit seiner Frau und seinem
kleinen Sohn in Hamburg.
Ganz klar, das Seminar in Berlin. Das war Anfang der 80er Jahre. Berlin war sehr punkig und ich vielleicht 16 oder 17. Tagsüber haben wir rumfotografiert, abends entwickelt. Eigentlich alles wie zu Hause, nur daß die Leute um mich herum von diesem Medium genauso begeistert waren wie ich und die ganzen Videos und Bücher mir gezeigt haben, daß ich nicht ein Vollspinner war. Der Jugendfotopreis hat mich bestätigt. Außerdem habe ich beim DJF meine bis heute besten Freunde kennengelernt.

DJF 1986-Preisträgerbild Ralph Baiker
Über die Jahre dachte ich immer: Was für ein toller Fotowettbewerb - jemand ruft Jugendliche auf, jedes Jahr ihre besten Fotos einzuschicken, und mit Hilfe einer gut zusammengewürfelten Jury bekommt man authentische Zeitdokumente in Form eines Buches. Als ich selbst Jurymitglied war (1986-88), haben mich die Fotos am meisten begeistert, die Jugendkulturen dargestellt haben, Punks, Alternative, Techno... alles Mögliche. Aber auch Bilder vom Kirchentag, aus den Jugendherbergs-Zimmern bei Klassenfahrten und von zu Hause. Heute würde ich auch Fotos mehr beachten, die sich um klassischere Genres der Fotografie kümmern, eine Landschaft, Stilleben, und auch das, was die Leute an Fotografie aus ihrem Computer herausholen.
Ich habe mich schon immer (das fing so im Alter von 10 Jahren an) mit Fotografie und Kunst beschäftigt. Dabei stellte ich fest, daß mir immer die Fotos am besten gefallen haben, die im Kunst-Kontext aufgetaucht sind. Sowas wie Bernhard-Johannes Blume, Jeff Wall oder Clegg and Guttman aber auch Stephen Shore, Michael Schmitt oder Lewis Baltz. Leute, die mit Konzepten gearbeitet haben und nicht nur eine Serie schön hinfotografieren konnten.
Insgesamt interessieren mich alle Medienbilder, ihr Einsatz, die Genauigkeit und Ungenauigkeit, mit der sie wirken. Vor allem interessieren mich auch die Bedingungen, unter denen sie entstehen. Für mich macht es Sinn, in der Werbung zu arbeiten, denn Nirgends werden so viele Erwartungen an ein einzelnes Foto gestellt, wie bei Image-Werbe-Kampagnen. So ein Foto ist oft ein Konstrukt aus monatelanger Vorbereitung, dutzenden von Konzeptionstreffen und Abstimmungsmails, evtl. einem Probeshooting und digitaler Bildbearbeitung. Eine solche Anzeige schafft dann Identität für das beworbene Produkt. Wobei Produkte nicht immer nur Waschmittel sind oder Autos. Genauso werden ökologische Ideen oder neue politische Gesetze mit Fotos beworben. An diesen Prozessen teilzunehmen finde ich spannend.
Ralph Baiker: "Americo"
Beides ist professionelle Arbeit, die Kunst und die angewandte Fotografie.
Ich habe Versucht, das zu kanalisieren, indem ich eine Galerie gefunden
habe, die meine freien Arbeiten vertritt und eine Repräsentanz, einen
Agenten, der mich als Werbefotografen verkauft. In meiner freien Arbeit
erhalte ich meine Autonomie als Fotograf, das passiert ganz automatisch.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, keine eigenen, freien, selbsterfundenen
Arbeiten zu machen.
In meinem Projekt über São Paulo in Brasilien kommt beides
wieder zusammen.
Man wird ja nicht nur gebucht, weil man eine Fotografiermaschine bedienen kann. Im günstigsten Fall suchen die Werbeagenturen Fotografen aus, die einen eigenen Stil entwickelt haben. Die sprechen dann von "look". Diesen look gilt es dann für einen Kunden umzusetzen. Das kann man dann vielleicht Routine nennen, macht mir aber meistens Spaß: Ich tue das, was ich gelernt habe und setze mein Talent ein, gute Fotos zu machen. Zugegeben besteht die Kreativität bei einem Job vor hauptsächlich darin, eine Lösung im Sinne des beworbenen Produktes innerhalb eines knapp bemessenen Zeitrahmens zu entwickeln - und das oft mit Kunden und Artdirectoren am Set. Da ist die Stimmung manchmal nervös und gereizt. Am Ende ist es dann oft wie mit dem Bau vom Potsdamer Platz in Berlin: Es wäre mit dem vielen schönen Geld noch ganz anderes machbar gewesen…

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Keine Angst vor den vielen Fotos, die es schon gibt. Schau sie Dir genau an. Die Aktuellen und die aus der Fotogeschichte. Jede Zeit braucht ihre eigenen Bilder. Und das Wichtigste: Fotografie braucht Praxis, also Hauptsache es wird viel Film belichtet oder auch nur Bilddate hergestellt. Wenn Du Deine Fotos dann an vielen verschiedenen Stellen herumzeigst, wirst Du herausbekommen, wo Dein Platz in der Bildermaschine sein könnte. Besessenheit ist in jedem Fall sehr hilfreich.
Ein gutes Bild ist ein Kracher. Manchmal auch ein leiser. Ein gutes Bild berührt mich. Es transportiert glaubhaft ein Interesse an unserer Welt. Es kommuniziert. Es erweitert meinen persönlichen Bilderkosmos.
Irgendwann war klar, daß für mich die Kunst der Kontext ist. Hier ist die Fotografie als künstlerisches Medium etabliert. In der Fotografie geht es zu oft um Rahmung, Serie, Kombination von Bildern, die eigene Art, einen Print zu machen oder den Film zu entwickeln. Das ist die Autorenfotografie aus den 70er und 80er Jahren. Wenn ich im Kunstkontext ein Bild zeige, befinde ich mich in einem freieren Feld. Außerdem ist Fotografie schwierig, wenn sie als "Fotoszene" betrieben wird. Das wird dann so schnell zum Clübchen. Manchmal, wenn ich durch Fotoausstellungen gegangen bin, speziell in Fotogalerien, überkam mich die Vorstellung von Hörspielfreunden, die sich dann gegenseitig ihre Hörspiele vorspielen.
Für mich ist interessant, welche Halbwertzeit Fotos entwickeln. In der Werbung hat ein aufwendig mit viel Geld produziertes Bild oft nach wenigen Tagen oder Wochen seinen Dienst bereits getan. Es ist dann verbraucht. Der Prozeß, bis ein Foto museumswürdig ist scheint lang zu sein. Dazu gehören Galeristen, Theoretiker, Kuratoren und Kunstgeschichtler, Sammler mit Geld und nicht zuletzt Museen mit ausreichend Kapazität für neue Bilder. Und der richtige Moment, das richtige Timing. Das geht über Jahre. Für meine eigene Arbeit gilt, daß die Fotos aus der Werbung nichts in der Galerie zu suchen haben.
Diese Frage ist eben hauptsächlich für dokumentarisch arbeitende Fotografen interessant. Der Anspruch an die Fotografie, nur authentisches Dokumentationsmittel zu sein, hat sich ja schon vor über hundert Jahren aufzulösen begonnen. Mich interessiert eher ein befreiter und entfesselter Umgang mit Fotografie. Sozusagen alles, was mit diesem Medium möglich ist. Da gehört der Photoshop und alle anderen Manipulationsmittel und Bildstrategien ganz natürlich mit dazu. Die Fotografie hat aber deswegen nicht ihren großen Vorteil verloren: genaue Abbildungen von der beleuchteten Welt der Dinge möglich zu machen.
Es geht um die Bilder einer Stadt und um die Stadt als Bild. Ich versuche, visuelle Anordnungen über die Identität einer Megapolis herzustellen, indem ich den Lebensraum der Menschen dort und die Präsenz aller möglichen Bilder fotografiere und sammle. Das mache ich seit über 10 Jahren, immer Sao Paulo, wobei ich 1993-94 ein Jahr dort gelebt habe und jetzt jedes Jahr ungefähr einen Monat dort bin und fotografisch arbeite.
Mein Interesse galt von Anfang an auch vorhandenen Bildern. Dabei benutze ich die Kamera oft wie einen Scanner, die Bilder bleiben flächig, zeigen die Layouts einer Stadt. Lesbar und kryptisch zugleich. Ich möchte etwas erzählen ohne den kritischen Blick des Journalisten. Ich will auch nicht den Pathos des reisenden Fotografen bemühen, der den scheinbar letzten authentischen Ort entdeckt hat, bevor unverständige Touristen seinen Charme zerstören. São Paulo hat dieses Problem auch nicht. Mit seinen 15-20 Millionen Einwohnern ist es wohl der letzte Ort, an den ein Tourist reisen wird - São Paulo ist eine Stadt des Handels und der Industrie. Die Stadt versucht (trotzdem?), Vorbildern wie New York, Miami oder Paris nachzueifern. Diese Sehnsucht findet sich in der Architektur, in den Visuals und im Lebensgefühl der Stadt wieder. Hier finde ich einen für mich fremden Umgang mit mir eigentlich bekannten Themen und Welten.
Mich interessiert die Gleichzeitigkeit der Werbebilder und der Lebensrealitäten in São Paulo. Die Bilder dort sind mächtig, die Lebensrealität hält selten Schritt mit ihnen. Gleichzeitig finde ich dort einen ungebremsten, entfesselten und freien Umgang mit Visuellem, so daß oft Eigenes und Neues entsteht. In São Paulo ist das Leben, das Chaos, die Zukunft. Die erste und die sogenannte dritte Welt zugleich. Und nicht nur Samba, Fußball, Karneval und Straßenkinder.

Ralph Baiker: "Ceracao Saude"